Ani's erster Arbeitstag

Meinen ersten Arbeitstag als Lehrling bei meinem Bruder, dem Goldschmiedemeister, habe ich - mit einigen Ausnahmen - mit Bravour gemeistert, würde ich sagen. Zu Beginn war es doch recht ungewohnt vom kleinen Bruder etwas beigebracht zu bekommen, so ernst- und gewissenhaft habe ich ihn nur selten erlebt. Der Spaßvogel war tatsächlich ein ausgezeichneter Lehrer. Wer hätte das vermutet. Ich jedenfalls nicht.

 

Ich komme zwar aus der kreativen Branche, habe Grafik Design, später Bildende Kunst studiert, aber mit der Goldschmiedekunst hatte ich bis zu diesem Tag noch keinerlei Berührung. Und ich muss gestehen, es war eine Hass-Liebe Erfahrung.

 

Hagop hat mir die Grundlagen der Goldschmiedearbeit näher gebracht. Ich musste, äh durfte z.B. kleine Formen aus einer Silberplatte aussägen, was wirklich gar nicht so einfach war, wie es die Bilder vermuten lassen. Wie hält man so ein kleines Stück Silber am besten fest, während man versucht einen perfekten kleinen Kreis auszusägen? Der perfekte Kreis - und ich bin extreme Perfektionistin - hat bei meinem ersten Versuch ausgesehen wie wenn eine Zweijährige versucht einen kleinen Kreis aus Papier auszuschneiden. Genau. Wie eine Zicke-zack Blume.


Nach drei ausgesägten Kreisen, musste ich die Ränder zuerst mit einer groben Feile, später mit einer weniger groben und ganz am Ende mit einer feinen Feile abfeilen. Das hat natürlich absolut keinen Spaß gemacht, weil ich festgestellt habe, dass ich weder die Feile noch das Silberstück halten konnte. Mein Bruder hat mir zwar immer wieder demonstriert, wie ich das winzige runde Silberplättchen richtig am Feilnagel (so nennt man dieses Holzteil, worauf gearbeitet wird) platziere und wie ich die Feile halten sollte, aber, was soll ich sagen. Ich hatte am Ende des Tages 2 Blasen an den Fingern und alle nur möglichen Verspannungen in den Fingern UND den Schultern.

 

Aber das Beste kommt noch. Die Oberfläche der Kreise musste ja auch noch feingeschliffen werden. Hierfür hat mir mein Bruder zuerst grobes, dann mittel-grobes, feines und ganz feines Schleifpapier bereitgestellt. Die Silberplättchen habe ich direkt auf dem Schleifpapier aufgelegt, so wie es mein Bruder mir vorgezeigt hat, aber der Druck, den ich auf die Plättchen ausüben musste um sie ganz schnell hin und her zu schleifen war so hoch, dass das Schleifen nur ruckartig verlief und meine Finger immer wieder auf das Schleifpapier trafen.

Meine zarten Fingerkuppen wurden nun auch noch wund gescheuert und schwarz. 

 

Ich habe mir wirklich kurz gedacht ich schmeisse alles hin. Dann habe ich tatsächlich alles hin geschmissen und meinem Bruder verkündet, dass ich nie wieder Schleifen werde. Mein Bruder hat mich entgeistert angesehen und gemeint, das Schleifen wäre ja noch die leichteste Arbeit.

 

Am nächsten Tag bin ich mit verkrampften Fingern, aber voller Motivation zu meinem zweiten Tag als Lehrling angetreten.

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